Drei Größen, die gern verwechselt werden
Der Schallabsorptionsgrad α gibt an, welcher Anteil der auftreffenden Schallenergie nicht zurückgeworfen wird. α = 0 heißt vollständige Reflexion, α = 1 heißt: nichts kommt zurück. In Datenblättern begegnen dir drei Varianten davon:
- αs — der im Hallraum gemessene Absorptionsgrad, aufgelöst in Terzbändern. Die Rohdaten.
- αp — der praktische Absorptionsgrad: je drei Terzen zu einem Oktavband zusammengefasst und auf 0,05 gerundet. Das ist die Kurve, die du in Diagrammen siehst.
- αw — der bewertete Schallabsorptionsgrad: ein einziger Wert, aus der αp-Kurve nach einem festen Verfahren abgeleitet. Die Zahl aus der Werbung.
Je weiter rechts in dieser Liste, desto bequemer — und desto mehr Information ist verloren. Für die Auslegung eines Raums brauchst du αp, nicht αw.
Wie gemessen wird
Gemessen wird nach DIN EN ISO 354 im Hallraum: ein absichtlich extrem halliger Raum mit harten, unregelmäßig angeordneten Flächen. Zuerst wird die Nachhallzeit des leeren Raums bestimmt, dann wird eine Materialprobe von 10 bis 12 m² eingebracht und erneut gemessen. Aus der Verkürzung der Nachhallzeit ergibt sich die zusätzliche Absorptionsfläche und daraus αs.
Entscheidend ist dabei ein Detail, das im Datenblatt leicht überlesen wird: die Montageart. Dieselbe Platte, einmal direkt auf dem Boden und einmal mit 200 mm Abstand montiert, liefert völlig verschiedene Kurven — im Tiefton können das 0,4 Unterschied sein. Eine Angabe ohne Montageart ist wertlos. Seriöse Datenblätter nennen sie, etwa „Typ A" für direkte Montage oder einen konkreten Abstand in Millimetern.
Vom Frequenzgang zur Einzelzahl
DIN EN ISO 11654 beschreibt, wie aus der αp-Kurve ein einzelner Wert wird. Das Verfahren funktioniert ähnlich wie bei der Schalldämmung: Über die gemessene Kurve wird eine genormte Bezugskurve gelegt und in Schritten von 0,05 so weit nach unten verschoben, bis die Summe der ungünstigen Abweichungen — also der Stellen, an denen die Messkurve unter der Bezugskurve liegt — höchstens 0,10 beträgt. Der Wert der verschobenen Bezugskurve bei 500 Hz ist αw.
Das Verfahren bestraft Schwächen und belohnt Gleichmäßigkeit. Ein Material, das über den gesamten Bereich solide 0,8 liefert, kann besser abschneiden als eines, das bei 2.000 Hz 1,0 erreicht und bei 250 Hz auf 0,3 einbricht — obwohl Letzteres im Hochton überlegen ist. Genau deshalb ist αw für den Vergleich brauchbar und für die Auslegung unzureichend.
Die Absorberklassen A bis E
Aus αw folgt die Klasse — ein Raster, das vor allem in Ausschreibungen verwendet wird:
| Klasse | αw | Einordnung | Typische Produkte |
|---|---|---|---|
| A | 0,90 · 0,95 · 1,00 | hochabsorbierend | Melaminharzschaum ab 50 mm, dicke Mineralwollplatten, frei abgehängte Deckensegel |
| B | 0,80 · 0,85 | gut absorbierend | Akustikplatten ab 25 mm, bedruckte Akustikbilder mit Absorberkern |
| C | 0,60 – 0,75 | mittel | dünne Akustikvliese, Lochplatten, schwere Faltenvorhänge |
| D | 0,30 – 0,55 | gering | Teppichboden, Polstermöbel, Akustikputz |
| E | 0,15 – 0,25 | sehr gering | glatte Vorhänge, dünne Filzscheiben |
| — | < 0,15 | nicht klassifiziert | Beton, Glas, Gipskarton, Fliesen |
Zur Einordnung unserer eigenen Materialien: Der Melaminharzschaum Basotect® G+, den wir für Deckensegel und Klötzi verwenden, erreicht αw = 0,95 und damit Klasse A. Der PU-Schaumstoff RG26/35F unserer ECO Absorber liegt bei αw = 0,9, ebenfalls Klasse A — bei anderem Frequenzverlauf und deutlich anderem Preis.
Formindikatoren L, M und H
Manchmal steht hinter dem Wert ein Buchstabe in Klammern, etwa αw = 0,85 (H). Diese Formindikatoren zeigen an, dass die gemessene Kurve die Bezugskurve in einem Bereich um mindestens 0,25 überschreitet — das Material ist dort deutlich besser, als der Einzahlwert vermuten lässt:
- L (low): Überschuss bei 250 Hz — ungewöhnlich gute Tieftonwirkung.
- M (medium): Überschuss bei 500 oder 1.000 Hz — stark im Sprachbereich.
- H (high): Überschuss bei 2.000 oder 4.000 Hz — typisch für dünne, offenporige Materialien.
Ein „(H)" ist damit weniger ein Gütesiegel als ein Warnhinweis: Das Material arbeitet oben stark und darunter schwächer. Für einen Raum, der im Bass wummert, ist das die falsche Wahl — auch wenn die Klasse stimmt.
Warum Klasse A nicht automatisch richtig ist
Poröse Absorber entziehen dem Schall Energie durch Reibung der bewegten Luft im Materialgefüge. Diese Bewegung ist dort am größten, wo die Luftschnelle ihr Maximum hat — und das liegt nicht an der Wand, sondern eine Viertelwellenlänge davor. An der Wand selbst ist die Schnelle null, dort kann selbst das beste Material nichts ausrichten.
Daraus folgt die unbequeme Wahrheit der Raumakustik: Ein 50 mm dicker Absorber direkt auf der Wand arbeitet im Sprachbereich hervorragend und bei 125 Hz fast gar nicht. Wer den Bass erwischen will, braucht Materialstärke, Wandabstand — oder beides. Drei praktische Konsequenzen:
- Wandabstand ist der billigste Tieftonzuwachs. 3 bis 5 cm Luft hinter der Platte verschieben die Wirkung spürbar nach unten, ohne Mehrmaterial.
- Deckensegel schlagen Deckenplatten. Frei abgehängt wirken sie von beiden Seiten und sitzen mit Abstand vor der Rohdecke — deshalb liegen sie im Tiefton regelmäßig vorn.
- Ecken sind Bassfänger. In Raumecken hat der tieffrequente Schalldruck sein Maximum. Wo Tiefton das Problem ist, gehört dickes Material genau dorthin.
Datenblatt lesen: die fünf Fragen
- Steht αp je Oktavband da — oder nur αw? Ohne Kurve lässt sich nichts nachrechnen.
- Welche Montageart wurde gemessen? Direkt auf der Wand oder mit Abstand? Ohne diese Angabe sind die Werte nicht übertragbar.
- Welche Dicke? Absorptionsgrade gelten immer für eine konkrete Materialstärke. 25 und 50 mm desselben Materials sind zwei verschiedene Produkte.
- Nach welcher Norm gemessen? DIN EN ISO 354 im Hallraum ist der belastbare Weg. Werte aus dem Impedanzrohr gelten nur für senkrechten Schalleinfall und fallen günstiger aus.
- Was sagt der Wert bei 125 und 250 Hz? Dort entscheidet sich, ob der Raum am Ende trocken oder dumpf klingt.
Wenn du diese fünf Angaben hast, kannst du die benötigte Fläche direkt ausrechnen — wie das geht, steht unter Schallabsorber berechnen.
Quellen & Normen
- DIN EN ISO 354 — Akustik: Messung der Schallabsorption in Hallräumen
- DIN EN ISO 11654 — Akustik: Schallabsorber für die Anwendung in Gebäuden, Bewertung der Schallabsorption
- DIN 18041:2016-03 — Hörsamkeit in Räumen
- Öko-Tex Standard 100: Basotect® B und G+, Zertifikat Nr. 20.0.08016, Hohenstein HTTI
- Öko-Tex Standard 100: PU-Schaumstoff RG26/35F, Zertifikat Nr. 17.0.22215, Hohenstein HTTI
Normzitate sind sinngemäß wiedergegeben. Verbindlich ist immer der Originaltext der jeweiligen Norm. Dieser Artikel ersetzt keine raumakustische Fachplanung.