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Grundlagen

Nachhallzeit verstehen: Was RT60 bedeutet und welcher Wert für deinen Raum gilt

Wenn in der Raumakustik von einer einzigen Zahl die Rede ist, dann von dieser. Die Nachhallzeit entscheidet darüber, ob Sprache im Raum ankommt oder zu Brei wird — und sie lässt sich berechnen, lange bevor irgendetwas montiert wird.

8 Min. Lesezeit · Stand: · von PolySound

Was RT60 bedeutet

Die Nachhallzeit ist die Zeit, die vergeht, bis der Schallpegel in einem Raum nach dem Abschalten der Schallquelle um 60 Dezibel gefallen ist. Daher das Kürzel RT60 (englisch reverberation time). 60 dB Abfall bedeutet: Von der ursprünglichen Schallenergie ist noch ein Millionstel übrig — praktisch Stille.

In der Praxis misst niemand über volle 60 dB, dafür müsste der Messton absurd laut oder der Raum absurd leise sein. Gemessen wird der Abfall über 20 oder 30 dB und dann linear hochgerechnet; die Werte heißen dann T20 und T30. Das Verfahren steht in DIN EN ISO 3382-2. Für dich als Nutzer ändert das nichts: Angegeben wird immer die Nachhallzeit in Sekunden.

Eine Zahl, sechs Werte

Die Nachhallzeit ist frequenzabhängig. Ein Raum kann bei 1.000 Hz bei sauberen 0,5 Sekunden liegen und bei 125 Hz bei 1,4 Sekunden. Eine seriöse Angabe nennt deshalb immer mehrere Oktavbänder — üblicherweise 125, 250, 500, 1.000, 2.000 und 4.000 Hz. Wer nur eine einzelne Zahl nennt, meint meist den Mittelwert aus 500, 1.000 und 2.000 Hz.

Warum sie über Verständlichkeit entscheidet

Sprache besteht aus schnell aufeinanderfolgenden Lauten. Eine Silbe dauert rund 0,2 Sekunden. Hallt der Raum eine Sekunde nach, überlagert das Echo der ersten Silbe die dritte und vierte — die Konsonanten, die Bedeutung tragen, verschwinden im Nachklang der Vokale. Der Zuhörer hört weiterhin, dass gesprochen wird, versteht aber weniger.

Daraus entsteht ein Kreislauf, der jeden lauten Raum antreibt: Wer nicht verstanden wird, spricht lauter. Weil alle lauter sprechen, steigt der Grundpegel, und alle müssen noch lauter werden. Dieser Lombard-Effekt ist der Grund, warum KiTa-Gruppenräume und Restaurants innerhalb von Minuten eskalieren — und warum eine kürzere Nachhallzeit den Pegel stärker senkt, als die reine Absorptionsrechnung vermuten lässt. Ausführlich steht das im Artikel Lärm in der KiTa.

Die Sabine-Formel

Wallace Clement Sabine hat um 1900 den Zusammenhang gefunden, der bis heute jeder Akustikplanung zugrunde liegt: Die Nachhallzeit steigt mit dem Raumvolumen und sinkt mit der Absorptionsfläche.

T = 0,163 · V / A T = Nachhallzeit in Sekunden · V = Raumvolumen in m³ · A = äquivalente Schallabsorptionsfläche in m²

Die äquivalente Absorptionsfläche A ist die Summe aller Flächen im Raum, jeweils multipliziert mit ihrem Schallabsorptionsgrad: A = Σ (Si · αi). Eine Betonwand von 20 m² mit α = 0,02 steuert 0,4 m² bei, 10 m² Akustikabsorber mit α = 0,9 dagegen 9 m². Deshalb verändert eine kleine Fläche wirksames Material mehr als eine riesige Fläche Beton.

Ein Rechenbeispiel

Ein Besprechungsraum misst 6,0 × 5,0 × 2,8 Meter, also 84 m³. Für Unterricht und Kommunikation (Raumgruppe A3 nach DIN 18041) ergibt sich daraus eine Soll-Nachhallzeit von etwa 0,45 Sekunden. Wie viel Absorptionsfläche braucht der Raum?

A = 0,163 · 84 m³ / 0,45 s = 30,4 m² Benötigte äquivalente Absorptionsfläche für den Zielwert

Gemessen wurden im leeren Raum 1,1 Sekunden. Dieselbe Formel rückwärts ergibt den Ist-Zustand: 0,163 · 84 / 1,1 = 12,4 m². Dem Raum fehlen also rund 18 m² äquivalente Absorptionsfläche. Mit einem Absorber der Klasse A (αw = 0,9) entspricht das etwa 20 m² montierter Fläche — bei 30 m² Deckenfläche also gut zwei Drittel der Decke oder eine Kombination aus Deckensegeln und zwei Wandflächen. Den kompletten Rechenweg inklusive Platzierung findest du unter Schallabsorber berechnen.

Wo Sabine an seine Grenze kommt

Die Formel setzt ein diffuses Schallfeld voraus — Schall, der gleichmäßig aus allen Richtungen eintrifft. In stark bedämpften Räumen (mittlerer Absorptionsgrad über etwa 0,3), in sehr flachen Räumen und bei einseitig verteilter Absorption rechnet sie zu optimistisch. Dann greift man zur Eyring-Formel oder simuliert. Für normal möblierte Räume mit verteilter Absorption liegt Sabine nah genug an der Realität, um damit zu planen.

Zielwerte für typische Räume

Der Zielwert hängt von Nutzung und Volumen ab. Die folgenden Werte sind nach den Gleichungen der DIN 18041 für das jeweils genannte Volumen gerechnet.

Raum Volumen Soll-Nachhallzeit Grundlage
Gruppenraum KiTa150 m³ca. 0,53 sDIN 18041, A3
Gruppenraum, inklusive Nutzung150 m³ca. 0,43 sDIN 18041, A4
Besprechungsraum85 m³ca. 0,45 sDIN 18041, A3
Klassenraum200 m³ca. 0,57 sDIN 18041, A3
Aula, Vortragsraum1.500 m³ca. 1,03 sDIN 18041, A2
Heimstudio, Regieraum40 – 80 m³0,3 – 0,4 sITU-R BS.1116
EinzelbüroA/V ≥ 0,20 1/mDIN 18041, B3
GroßraumbüroA/V ≥ 0,25 1/mDIN 18041, B4

Büros tauchen in dieser Tabelle mit einem anderen Kriterium auf: Für Räume, in denen nicht über größere Entfernung kommuniziert wird, fordert DIN 18041 kein Nachhallzeit-Ziel, sondern ein Verhältnis von Absorptionsfläche zu Raumvolumen. Warum das im Großraumbüro sinnvoller ist, steht unter Büroakustik.

Nachhallzeit messen

Der Klatschtest

Stell dich in die Raummitte und klatsche einmal kräftig. Klingt es merklich nach, ist der Raum zu hallig. Hörst du ein metallisches „Ratschen", stehen zwei parallele, harte Flächen einander gegenüber — ein Flatterecho. Der Test taugt zur Diagnose „Problem ja oder nein", liefert aber keinen Zahlenwert und keine Information über die Frequenzverteilung.

Die Messung per App

Unsere PolySound-App spielt einen Messton über das gesamte Frequenzband ab und wertet den Pegelabfall je Frequenzband aus. Das Ergebnis ist eine echte Messung mit Kurve über die Frequenz, kein Schätzwert — genau genug, um zu entscheiden, wie viel Material in welcher Dicke nötig ist. Für ein Gutachten mit Rechtsverbindlichkeit braucht es weiterhin ein kalibriertes Messsystem nach DIN EN ISO 3382-2.

Die Rechnung ohne Messung

Ganz ohne Messung geht es auch: Raummaße und Oberflächen erfassen, Absorptionsgrade aus Tabellen ansetzen, A ausrechnen, Sabine anwenden. Genau das macht unser Akustik-Rechner. Der Weg ist ungenauer als eine Messung — Möblierung und Bauweise streuen —, reicht für die Auslegung aber in den meisten Fällen aus.

Was die Nachhallzeit senkt — und was nicht

Nachhall entsteht durch Reflexionen. Senken lässt er sich nur, indem Schallenergie in Wärme umgewandelt wird — durch poröse Materialien, in denen Luft reibt, oder durch schwingende Systeme. Was das in der Praxis bedeutet:

  • Wirkt: poröse Absorber ab etwa 25 mm Dicke, Deckensegel, Akustikbilder mit absorbierendem Kern, dicke Vorhänge in Falten, Teppichboden (nur Höhen), Polstermöbel, Menschen.
  • Wirkt kaum: Bilder auf Leinwand ohne Absorberkern, Regale mit Büchern (streuen mehr, als sie absorbieren), Raufasertapete, dünne Filzscheiben unter 10 mm.
  • Wirkt gar nicht: Massivere Wände, dickere Fenster, mehr Dämmstoff in der Wand. Das ist Schalldämmung — sie hält Schall von außen fern und verändert innen nichts.
Der wichtigste Hebel kostet nichts

Ein poröser Absorber arbeitet dort, wo die Luft am schnellsten schwingt — und das ist nicht direkt an der Wand, sondern ein Stück davor. Montierst du dieselbe Platte mit 3 bis 5 cm Wandabstand, verschiebt sich ihre Wirkung spürbar in Richtung tiefer Frequenzen, ohne dass ein Gramm Material dazukommt. Bei Deckensegeln passiert das automatisch, weil sie frei abgehängt werden.

Grenzen der Kennzahl

Die Nachhallzeit beschreibt den Raum als Ganzes. Sie sagt nichts darüber, wie sich Schall im Raum verteilt — und genau das ist in zwei Fällen entscheidend:

  • Im Großraumbüro stört nicht der Hall, sondern das verständliche Gespräch drei Tische weiter. Dafür gibt es eigene Kennwerte nach DIN EN ISO 3382-3, allen voran den Ablenkungsabstand. Zwei Büros mit identischer Nachhallzeit können sich völlig unterschiedlich arbeiten lassen.
  • Im kleinen Studio unter etwa 50 m³ bilden sich stehende Wellen zwischen parallelen Wänden — Raummoden. Sie erzeugen Pegelüberhöhungen und -löcher an bestimmten Hörpositionen, die keine Nachhallzeitmessung sichtbar macht. Mehr dazu auf der Seite Heimstudio-Akustik.

Für alles andere — Klassenräume, Gruppenräume, Besprechungsräume, Praxen, Gastronomie — bleibt die Nachhallzeit die richtige Leitgröße. Wenn sie stimmt, stimmt in aller Regel auch der Rest.

Quellen & Normen

  1. DIN 18041:2016-03 — Hörsamkeit in Räumen. Anforderungen, Empfehlungen und Hinweise für die Planung
  2. DIN EN ISO 3382-2 — Messung von Parametern der Raumakustik, Teil 2: Nachhallzeit in gewöhnlichen Räumen
  3. DIN EN ISO 354 — Messung der Schallabsorption in Hallräumen

Normzitate sind sinngemäß wiedergegeben. Verbindlich ist immer der Originaltext der jeweiligen Norm. Dieser Artikel ersetzt keine raumakustische Fachplanung.

Häufige Fragen

Welche Nachhallzeit ist „gut"?

Das hängt ausschließlich davon ab, was im Raum passiert und wie groß er ist. Für Sprache in einem Besprechungsraum von rund 85 m³ liegt der Zielwert bei etwa 0,45 Sekunden, für einen Klassenraum von 200 m³ bei etwa 0,57 Sekunden, für einen Konzertsaal dagegen deutlich über einer Sekunde. Einen universellen Idealwert gibt es nicht — deshalb rechnet DIN 18041 den Sollwert aus dem Raumvolumen aus.

Reicht der Klatschtest, um die Nachhallzeit zu beurteilen?

Für die Frage „Ist hier überhaupt etwas im Argen?" reicht er. Ein hörbares Flatterecho oder ein langes Ausklingen zeigt dir sofort, dass der Raum zu hallig ist. Für die Planung reicht er nicht: Du bekommst keinen Zahlenwert und vor allem keine Information darüber, welche Frequenzen das Problem verursachen — und genau das entscheidet über die Materialwahl.

Warum hallt mein Raum nur bei tiefen Tönen nach?

Weil dünne poröse Absorber bei tiefen Frequenzen kaum wirken. Ein 50 mm dicker Absorber direkt auf der Wand arbeitet ab etwa 500 Hz gut, darunter fällt seine Wirkung stark ab. Teppiche, Vorhänge und Akustikdecken verkürzen deshalb den Nachhall in Mitten und Höhen, während der Bassbereich unverändert lange nachhängt. Abhilfe schaffen größere Materialdicken, Wandabstand oder gezielte Tiefton-Absorber in den Raumecken.

Zählen Möbel und Personen bei der Nachhallzeit mit?

Ja, und zwar erheblich. Jede Person bringt rund 0,4 bis 0,5 m² äquivalente Absorptionsfläche mit, ein Polstersessel ähnlich viel. Ein voll besetzter Besprechungsraum klingt deshalb spürbar trockener als derselbe Raum leer. Für die Planung wird in der Regel der ungünstigere Zustand angesetzt — also der schwach besetzte Raum.

Vom Wissen zur Zahl für deinen Raum

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