Was die Norm regelt — und was nicht
Der volle Titel lautet „Hörsamkeit in Räumen — Anforderungen, Empfehlungen und Hinweise für die Planung". Hörsamkeit meint: Wie gut eignet sich ein Raum für das, was in ihm gehört werden soll. Die Norm beschreibt, welche Nachhallzeit beziehungsweise welche Absorptionsausstattung ein Raum braucht, damit Sprache verständlich ankommt und der Pegel beherrschbar bleibt.
Klar abzugrenzen ist, was nicht in ihr steht: Schalldämmung zwischen Räumen regelt DIN 4109, Lärmschutz am Arbeitsplatz im Sinne von Grenzwerten regelt die Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung, und Großraumbüros haben mit DIN EN ISO 3382-3 ein eigenes Messverfahren. DIN 18041 kümmert sich ausschließlich um die Akustik innerhalb eines Raums.
Die Norm ist kein Gesetz, gilt aber als anerkannte Regel der Technik — und über die Arbeitsstättenregel ASR A3.7 sowie das Unfallversicherungsrecht wird sie für Arbeitsräume, Schulen und Kindertageseinrichtungen praktisch zum Maßstab.
Der erste Schritt: Raumgruppe A oder B
Alles hängt an einer einzigen Einordnung. Die Norm unterscheidet zwei grundsätzlich verschiedene Situationen:
- Raumgruppe A — Hörsamkeit über mittlere und größere Entfernungen. Jemand spricht oder musiziert, alle anderen sollen zuhören: Klassenraum, Gruppenraum, Hörsaal, Aula, Sporthalle, Probenraum. Kriterium ist die Nachhallzeit.
- Raumgruppe B — Hörsamkeit über kurze Entfernungen. Es wird gearbeitet, gegessen, gewartet; Kommunikation findet nur in unmittelbarer Nähe statt: Büro, Kantine, Flur, Schalterhalle, Empfang. Kriterium ist das Verhältnis von Absorptionsfläche zu Raumvolumen.
Diese Unterscheidung ist der häufigste Stolperstein. Ein Besprechungsraum ist Gruppe A, obwohl er in einem Bürogebäude liegt. Ein Großraumbüro ist Gruppe B, obwohl darin ständig gesprochen wird — dort soll Sprache gerade nicht über Entfernung tragen.
Gruppe A: den Sollwert berechnen
Für Räume der Gruppe A berechnet die Norm die Soll-Nachhallzeit Tsoll aus dem Raumvolumen. Größere Räume dürfen länger nachhallen — das entspricht dem Höreindruck und der Tatsache, dass Absorption mit der Fläche wächst, das Volumen aber mit der dritten Potenz.
| Gruppe | Nutzung | Typische Räume | Tsoll in Sekunden |
|---|---|---|---|
| A1 | Musik | Probenraum, Musiksaal | 0,45 · lg(V) + 0,07 |
| A2 | Sprache, Vortrag | Hörsaal, Aula, Theater | 0,37 · lg(V) − 0,14 |
| A3 | Unterricht, Kommunikation | Klassenraum, Gruppenraum, Besprechung | 0,32 · lg(V) − 0,17 |
| A4 | Unterricht, inklusiv | Inklusionsklasse, Krippe, Räume für Hörgeschädigte | 0,26 · lg(V) − 0,14 |
| A5 | Sport | Sporthalle, Schwimmhalle | 0,75 · lg(V) − 1,00 |
V ist das Raumvolumen in m³, lg der Zehnerlogarithmus. Die Gleichungen gelten für Räume von etwa 30 bis 5.000 m³, für Sporthallen ab etwa 200 m³. Außerhalb dieser Bereiche wird die Norm nicht einfach extrapoliert — dort ist eine gesonderte Betrachtung fällig.
Rechenbeispiel Klassenraum
Ein Klassenraum misst 9,0 × 7,0 × 3,2 Meter, also rund 200 m³. Für Unterricht gilt A3:
Tsoll = 0,32 · 2,301 − 0,17 = 0,57 s Derselbe Raum als Inklusionsklasse (A4): 0,26 · 2,301 − 0,14 = 0,46 s
Der Unterschied von 0,57 auf 0,46 Sekunden klingt klein, ist er aber nicht. Über die Sabine-Formel gerechnet bedeutet er einen Sprung von 57 auf 71 m² äquivalente Absorptionsfläche — rund ein Viertel mehr Material.
Der Toleranzbereich über die Frequenz
Tsoll ist ein einzelner Wert, die Nachhallzeit eines Raums dagegen frequenzabhängig. Die Norm spannt deshalb einen Toleranzschlauch um den Sollwert, in dem die gemessene Kurve liegen muss:
- Im Bereich 250 bis 2.000 Hz darf die Nachhallzeit um ±20 % vom Sollwert abweichen.
- Bei 125 Hz darf sie zusätzlich um bis zu weitere 20 % abweichen — der Bassbereich bekommt also mehr Spielraum.
- Bei 4.000 Hz darf sie um bis zu weitere 20 % unter dem Sollwert liegen. Nach oben bleibt es bei der engeren Grenze.
Nicht bei 1.000 Hz, sondern bei 125 und 250 Hz. Dünne Akustikplatten und Deckensegel arbeiten im Mittel- und Hochton hervorragend und im Bass kaum. Die Kurve rutscht dann bei tiefen Frequenzen aus dem Schlauch — der Raum klingt dumpf-wummerig, obwohl der Mittelwert stimmt. Abhilfe: größere Materialdicke, Wandabstand oder gezielte Tieftonabsorber. Warum das so ist, steht unter Absorberklassen und αw.
Gruppe B: A/V statt Sekunden
Für Räume der Gruppe B wäre eine Nachhallzeit-Vorgabe wenig sinnvoll — diese Räume sind oft groß, flach und ungleichmäßig möbliert, ein diffuses Schallfeld bildet sich gar nicht erst aus. Die Norm fordert stattdessen ein Mindestverhältnis von äquivalenter Absorptionsfläche A zum Raumvolumen V, gemessen über 250 bis 2.000 Hz.
| Gruppe | Bedarf an Lärmminderung | Typische Räume | Anforderung A/V |
|---|---|---|---|
| B1 | kein besonderer | Lager, Technikräume | keine Anforderung |
| B2 | gering | Flure, Empfang, Treppenhaus | ≥ 0,15 1/m |
| B3 | mittel | Einzel- und Mehrpersonenbüro, Behandlungsraum | ≥ 0,20 1/m |
| B4 | erhöht | Großraumbüro, Kantine, Schalterhalle | ≥ 0,25 1/m |
| B5 | inklusiv | Räume mit Nutzern mit eingeschränktem Hörvermögen | ≥ 0,30 1/m |
Für Räume der Gruppe B3 enthält die Norm zusätzlich eine höhenabhängige Variante, weil flache Räume schwerer zu beruhigen sind als hohe:
Umgerechnet über Sabine entspricht A/V ≥ 0,20 1/m einer Nachhallzeit von etwa 0,8 Sekunden, A/V ≥ 0,25 1/m etwa 0,65 Sekunden. Wer in einem Großraumbüro die Norm punktgenau erfüllt, hat allerdings noch lange kein ruhiges Büro — warum, steht unter Büroakustik.
Der Nachweis in vier Schritten
- Raumgruppe und Volumen bestimmen. Nutzung ehrlich einordnen — nicht die geplante, sondern die tatsächliche. Volumen aus Innenmaßen, bei abgehängter Decke bis zur Unterkante.
- Sollwert berechnen. Formel aus der Tabelle oben, oder direkt in unseren Akustik-Rechner eintragen.
- Ist-Zustand ermitteln. Entweder messen — im Bestand der schnellste Weg, etwa mit der PolySound-App oder einem kalibrierten Messsystem nach DIN EN ISO 3382-2 — oder im Neubau aus den Oberflächen rechnen: alle Flächen mit ihren Absorptionsgraden je Oktavband multiplizieren und aufsummieren.
- Defizit in Material übersetzen. Die fehlende äquivalente Absorptionsfläche durch den Absorptionsgrad des gewählten Materials teilen — das Ergebnis ist die zu montierende Fläche in m². Der komplette Rechenweg steht unter Schallabsorber berechnen.
Fünf typische Planungsfehler
- Falsche Raumgruppe. Ein Besprechungsraum wird als Büro (B3) eingestuft und damit um Klassen zu schwach ausgestattet.
- Nur den Mittelwert nachweisen. Der Nachweis läuft über alle Oktavbänder. Ein Raum, der im Mittel passt und bei 125 Hz doppelt so lange nachhallt, erfüllt die Norm nicht.
- Möblierung großzügig ansetzen. Gerechnet wird der ungünstige Zustand — leerer, schwach besetzter Raum. Sonst stimmt die Akustik nur bei Vollbesetzung, und genau dann stört sie am wenigsten.
- Inklusion vergessen. Sobald Kinder im Spracherwerb, Hörgeräteträger oder Menschen mit Aufmerksamkeitsstörungen den Raum dauerhaft nutzen, gelten A4 beziehungsweise B5 — spürbar strenger.
- Alles an die Decke. Absorption gehört verteilt. Sitzt sie nur oben, bleiben Flatterechos zwischen den Wänden erhalten, und das Schallfeld wird so ungleichmäßig, dass die Sabine-Rechnung zu optimistisch wird.
Wenn du den Nachweis für einen konkreten Raum brauchst und unsicher bist, welche Gruppe greift: Ruf durch. Diese Einordnung dauert am Telefon zwei Minuten und entscheidet über den ganzen Rest der Planung.
Quellen & Normen
- DIN 18041:2016-03 — Hörsamkeit in Räumen. Anforderungen, Empfehlungen und Hinweise für die Planung
- ASR A3.7 „Lärm" — Technische Regeln für Arbeitsstätten (Ausschuss für Arbeitsstätten)
- DGUV Vorschrift 82 — Kindertageseinrichtungen
- DIN EN ISO 3382-2 — Messung der Nachhallzeit in gewöhnlichen Räumen
Normzitate sind sinngemäß wiedergegeben. Verbindlich ist immer der Originaltext der jeweiligen Norm. Dieser Artikel ersetzt keine raumakustische Fachplanung.