Was du dafür brauchst
Drei Angaben, mehr nicht: die Raummaße, die Nutzung des Raums und — idealerweise — eine Messung der aktuellen Nachhallzeit. Fehlt die Messung, lässt sich der Ist-Zustand auch aus den Oberflächen abschätzen; das ist ungenauer, aber machbar.
Als durchgehendes Beispiel dient ein KiTa-Gruppenraum: 8,0 × 6,5 × 3,0 Meter, Linoleumboden, verputzte Wände, Gipskartondecke, normale Möblierung. Gemessen wurden 1,3 Sekunden Nachhallzeit — ein typischer Wert für einen solchen Raum ohne akustische Ausstattung.
Schritt 1: Raumvolumen bestimmen
Die Grundfläche notierst du gleich mit — sie brauchst du später für die Plausibilitätsprüfung: 8,0 × 6,5 = 52 m².
Schritt 2: Soll-Nachhallzeit ermitteln
Ein Gruppenraum fällt unter Raumgruppe A3 der DIN 18041 (Unterricht und Kommunikation):
Tsoll = 0,32 · 2,193 − 0,17 = 0,53 s Bei inklusiver Nutzung gilt A4: 0,26 · 2,193 − 0,14 = 0,43 s
Schritt 3: Ist-Zustand in Absorptionsfläche umrechnen
Die Sabine-Formel funktioniert in beide Richtungen. Aus der gemessenen Nachhallzeit ergibt sich, wie viel äquivalente Absorptionsfläche der Raum heute schon hat:
In diesen 19,6 m² steckt bereits alles, was im Raum steht: Möbel, Teppich, Vorhänge, Garderobe. Genau deshalb ist die Messung dem Abschätzen überlegen — sie erspart dir die Tabellenrecherche für jede einzelne Oberfläche.
Schritt 4: Fehlende Absorptionsfläche berechnen
Dieselbe Formel mit dem Sollwert liefert, wie viel der Raum haben müsste:
ΔA = 48,0 − 19,6 = 28,4 m² Bei inklusiver Nutzung (0,43 s): Asoll = 59,1 m², ΔA = 39,5 m²
Dem Raum fehlen also rund 28 m² äquivalente Absorptionsfläche. Das ist noch keine Materialmenge — es ist die physikalische Lücke, die geschlossen werden muss.
Schritt 5: Von Absorptionsfläche zu Quadratmetern Material
Jetzt kommt der Absorptionsgrad des gewählten Materials ins Spiel. Die benötigte Montagefläche ist die fehlende Absorptionsfläche geteilt durch den Absorptionsgrad:
Zum Vergleich mit einem schwächeren Material: Bei α = 0,6 — etwa einem dünnen Akustikvlies — wären es 47 m², also mehr als die gesamte Deckenfläche. Der Absorptionsgrad entscheidet damit unmittelbar darüber, ob die Lösung überhaupt in den Raum passt.
30 m² Absorberfläche der Klasse A bei 52 m² Grundfläche. In der Praxis wird daraus meist eine Kombination: rund 22 m² Deckensegel plus zwei Wandflächen à 4 m² auf gegenüberliegenden Seiten. Das verteilt die Absorption, verhindert Flatterechos und lässt die Decke teilweise frei für Beleuchtung und Lüftung.
Die Faustformel im Test
Verbreitet ist die Regel „etwa ein Drittel der Grundfläche mit Absorbern belegen". Im Beispiel wären das 17 m² statt der gerechneten 30 m². Was käme dabei heraus?
T = 0,163 · 156 / 35,8 = 0,71 s Ziel wären 0,53 s — die Faustformel verfehlt sie um rund ein Drittel.
Die Regel ist nicht falsch, sie ist nur unvollständig. Sie funktioniert bei Räumen mit normaler Höhe und moderatem Ausgangsnachhall. Sie versagt systematisch bei:
- hohen Räumen — das Volumen wächst mit der Höhe, die Grundfläche nicht;
- sehr halligen Ausgangszuständen — je schlechter der Start, desto mehr fehlt;
- strengen Zielwerten — inklusive Nutzung oder Studiobetrieb;
- schwachen Materialien — ein Drittel Fläche der Klasse D ersetzt kein Viertel Klasse A.
Wohin mit dem Material?
Für die reine Nachhallrechnung ist es gleichgültig, wo die Absorber hängen — für den Höreindruck nicht. Vier Regeln, die sich in der Praxis bewährt haben:
- Decke zuerst. Sie ist meist die größte freie Fläche und akustisch die unproblematischste. In flachen Räumen wirkt sie außerdem direkt auf die Reflexion zwischen Sprecher und Zuhörer.
- Gegenüberliegende Wände nicht beide hart lassen. Zwei parallele, harte Flächen erzeugen Flatterechos. Es genügt, eine der beiden zu belegen.
- Auf Ohrhöhe wirkt am meisten. Absorber im Bereich 1,0 bis 2,0 m über dem Boden greifen dort ein, wo gesprochen und gehört wird.
- Ecken für den Bass. Wenn der Raum dumpf wummert, gehört dickes Material in die Raumkanten — dort hat der tieffrequente Schalldruck sein Maximum.
Wann die Rechnung nicht reicht
Der Rechenweg oben ist eine Einzahlbetrachtung im mittleren Frequenzbereich. Er trägt für die allermeisten Räume. In drei Fällen solltest du weiter rechnen oder messen lassen:
- Wenn der Tiefton das Problem ist. Dann rechnest du je Oktavband mit der αp-Kurve des Materials statt mit αw. Siehe Absorberklassen und αw.
- Im Großraumbüro. Dort ist nicht der Nachhall die Leitgröße, sondern der Ablenkungsabstand nach DIN EN ISO 3382-3 — siehe Büroakustik.
- Bei sehr stark bedämpften oder extrem flachen Räumen. Dort verlässt Sabine seinen Gültigkeitsbereich und rechnet zu optimistisch.
Wenn du dir das Rechnen sparen willst: Unser Akustik-Rechner macht genau diese fünf Schritte mit deinen Raummaßen, und die PolySound-App misst den Ist-Zustand gleich mit — inklusive Hörprobe, wie der Raum nachher klingt.
Quellen & Normen
- DIN 18041:2016-03 — Hörsamkeit in Räumen
- DIN EN ISO 354 — Messung der Schallabsorption in Hallräumen
- DIN EN ISO 11654 — Bewertung der Schallabsorption (α<sub>w</sub>, Absorberklassen)
Normzitate sind sinngemäß wiedergegeben. Verbindlich ist immer der Originaltext der jeweiligen Norm. Dieser Artikel ersetzt keine raumakustische Fachplanung.