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Büroakustik: Warum die Nachhallzeit im Großraumbüro nicht ausreicht

Zwei Großraumbüros können dieselbe Nachhallzeit haben — und sich völlig unterschiedlich arbeiten lassen. Der Grund: Im Büro stört nicht der Hall, sondern das verständliche Gespräch drei Tische weiter. Dafür gibt es eigene Kennzahlen.

9 Min. Lesezeit · Stand: · von PolySound

Warum die Nachhallzeit hier in die Irre führt

Die Nachhallzeit beschreibt den Raum als Ganzes und setzt ein gleichmäßiges Schallfeld voraus. Ein Großraumbüro ist aber weder gleichmäßig noch kompakt: flach, lang, unterschiedlich möbliert, mit Schallquellen mitten drin. Der Schall verteilt sich hier nicht diffus, sondern läuft an der Decke entlang durch den Raum.

Vor allem aber misst die Nachhallzeit die falsche Größe. Was im Büro tatsächlich stört, ist nicht Lautstärke, sondern Verständlichkeit: Ein Gespräch, das du verstehst, bindet Aufmerksamkeit, ob du willst oder nicht — das Gehirn verarbeitet Sprache automatisch mit. Ein Lüftungsgeräusch mit demselben Pegel stört deutlich weniger. Deshalb ist das Ziel im Großraumbüro nicht „leise", sondern unverständlich auf Distanz.

Die Zahl dahinter

63 % der Wissensarbeiter geben an, bei hohem Lärmpegel nicht mehr enthusiastisch arbeiten zu können, 47 % fühlen sich dadurch gestresst (Jabra 2024). Beides sind Ablenkungs-, keine Gehörschutzthemen — die Pegel im Büro liegen weit unter jeder Gefährdungsschwelle für das Gehör.

Die drei Kennwerte nach DIN EN ISO 3382-3

Gemessen wird entlang einer Reihe von Arbeitsplätzen: Eine normierte Sprachquelle steht an einem Platz, der Pegel wird in wachsender Entfernung aufgenommen. Daraus entstehen drei Werte:

Kennwert Was er beschreibt Guter Wert
D2,S Räumliche Abklingrate: um wie viel Dezibel der Sprachpegel je Abstandsverdopplung sinkt ≥ 7 dB
Lp,A,S,4m A-bewerteter Sprachpegel in 4 Metern Entfernung vom Sprecher ≤ 48 dB
rD Ablenkungsabstand: ab hier sinkt der Sprachübertragungsindex STI unter 0,50 ≤ 5 m

Ergänzend nennt die Norm den Privatheitsabstand rP — die Entfernung, ab der Sprache praktisch nicht mehr verstanden wird (STI unter 0,20). Er ist dort interessant, wo Vertraulichkeit eine Rolle spielt, etwa in Praxen und Kanzleien.

Der anschaulichste der drei ist der Ablenkungsabstand. Er übersetzt sich direkt in eine Erfahrung: Bei rD = 5 m stört dich dein direkter Nachbar, aber nicht das Gespräch am Fenster. Bei rD = 12 m stört dich der halbe Raum.

Zielwerte und Qualitätsklassen

Die Werte oben stammen aus dem informativen Teil der ISO 3382-3 und gelten als Orientierung für gut geplante Großraumbüros. Parallel dazu beschreibt VDI 2569 Qualitätsklassen für die akustische Gestaltung von Büros — von anspruchsvoll bis Mindeststandard. Wer ausschreibt, sollte die geforderte Klasse benennen, sonst bleibt „gute Akustik" eine Meinungsfrage.

Unabhängig davon gilt die Grundanforderung aus DIN 18041: Großraumbüros sind Raumgruppe B4 mit A/V ≥ 0,25 1/m, Einzel- und Mehrpersonenbüros Raumgruppe B3 mit A/V ≥ 0,20 1/m. Diese Anforderung ist die Eintrittskarte, nicht das Ziel — ein Raum kann sie erfüllen und trotzdem einen Ablenkungsabstand von 10 Metern haben, wenn die Absorption ungünstig verteilt ist.

Das ABC-Prinzip

In der Bürobauplanung hat sich eine simple Reihenfolge durchgesetzt. Sie funktioniert, weil jede Stufe die nächste erst wirksam macht:

  • A — Absorb. Schallenergie vernichten, bevor sie sich im Raum verteilt. Größter Hebel ist die Decke, weil sie die Strecke zwischen entfernten Arbeitsplätzen unterbricht. Wirksam sind hochabsorbierende Decken, Deckensegel und Wandflächen.
  • B — Block. Direkte Schallwege unterbrechen: Stellwände zwischen Tischreihen, Schreibtisch-Trennwände, Schränke als Raumteiler. Entscheidend ist die Höhe — eine Abschirmung muss die Sichtlinie zwischen den Köpfen sitzender Personen brechen, sonst wirkt sie kaum.
  • C — Cover. Ein leises, gleichmäßiges Hintergrundgeräusch verdeckt, was nach A und B noch übrig ist. Nur sinnvoll als letzter Schritt und nur mit unauffälligem Spektrum.

Maßnahmen in der richtigen Reihenfolge

  1. Decke behandeln. Hochabsorbierende Decke oder abgehängte Segel über den Arbeitsplatzreihen. Das senkt Sprachpegel und Ablenkungsabstand gleichzeitig — kein anderer Eingriff schafft beides.
  2. Abschirmen. Trennwände zwischen gegenüberliegenden Arbeitsplätzen, absorbierend ausgeführt statt aus blankem Glas oder Melamin. Eine reflektierende Trennwand schiebt den Schall nur weiter.
  3. Zonen bilden. Telefonate und Besprechungen aus der Fläche herausnehmen — Telefonbox, Besprechungsraum, ruhige Zone. Das ist oft der wirksamste und billigste Schritt überhaupt.
  4. Harte Restflächen entschärfen. Glasfronten, Sichtbeton, große Schrankflächen: punktuell mit Akustikbildern oder Wandabsorbern belegen.
  5. Erst dann maskieren. Und nur, wenn die Schritte davor ausgereizt sind.

Typische Fehler

  • Nur den Nachhall nachweisen. A/V-Wert erfüllt, Ablenkungsabstand nie gemessen — und die Beschwerden bleiben.
  • Absorption an die falschen Flächen. Teppich statt Decke: viel Fläche, wenig Wirkung auf die Ausbreitung entlang des Raums.
  • Trennwände zu niedrig. Unterhalb der Kopfhöhe sitzender Personen bringt eine Abschirmung akustisch fast nichts.
  • Glas überall. Optisch offen, akustisch hart. Jede Glasfläche braucht eine absorbierende Gegenfläche.
  • Maskierung als Erstmaßnahme. Erhöht den Pegel, ohne die Ursache zu berühren.

Einzelbüro und Besprechungsraum

Für kleinere Büros gilt der Aufwand oben nicht. Ein Einzel- oder Mehrpersonenbüro fällt unter Raumgruppe B3 — hier reicht es in aller Regel, die Decke oder eine größere Wandfläche zu belegen, bis A/V ≥ 0,20 1/m erreicht ist. Der Rechenweg dafür steht unter Schallabsorber berechnen.

Der Besprechungsraum dagegen ist ein Sonderfall, der oft falsch eingeordnet wird: Er gehört zur Raumgruppe A3, nicht zu B — dort soll Sprache über Entfernung tragen. Für einen Raum von 85 m³ bedeutet das eine Soll-Nachhallzeit von etwa 0,45 Sekunden, also deutlich mehr Absorption als im Büro nebenan. Wer beide gleich ausstattet, liegt in einem von beiden falsch.

Konkrete Produktvorschläge, Rechenbeispiele und Kostenrahmen für Büroflächen findest du auf der Seite Akustiklösungen für Büros.

Quellen & Normen

  1. DIN EN ISO 3382-3 — Messung von Parametern der Raumakustik, Teil 3: Großraumbüros
  2. DIN 18041:2016-03 — Hörsamkeit in Räumen (Raumgruppe B)
  3. VDI 2569:2019 — Schallschutz und akustische Gestaltung im Büro
  4. ASR A3.7 „Lärm" — Technische Regeln für Arbeitsstätten
  5. Jabra: Sound Better – Hybrid Work and Sound Report 2024

Normzitate sind sinngemäß wiedergegeben. Verbindlich ist immer der Originaltext der jeweiligen Norm. Dieser Artikel ersetzt keine raumakustische Fachplanung.

Häufige Fragen

Was ist der Ablenkungsabstand?

Der Ablenkungsabstand rD ist die Entfernung von einem Sprecher, ab der dessen Sprache so unverständlich wird, dass sie nicht mehr stark ablenkt — definiert über einen Sprachübertragungsindex STI unter 0,50. Je kleiner dieser Abstand, desto ruhiger arbeitet es sich. In einem gut geplanten Großraumbüro liegt er bei etwa 5 Metern, in einem unbehandelten Raum mit harten Oberflächen oft jenseits von 12 Metern — dort stört dann praktisch jedes Gespräch im Raum.

Hilft Sound-Masking wirklich?

Ja, aber nur als letzter Schritt. Ein leises, breitbandiges Hintergrundgeräusch verdeckt entfernte Sprache und verkürzt den Ablenkungsabstand messbar. Es funktioniert jedoch nur, wenn vorher absorbiert und abgeschirmt wurde — sonst erhöht es schlicht den Gesamtpegel und macht alles anstrengender. Und es braucht ein wirklich unauffälliges Spektrum; ein hörbares Rauschen empfinden viele Menschen als schlimmer als das Problem.

Reicht ein Teppichboden für die Büroakustik?

Nein. Teppich wirkt fast ausschließlich im Hochtonbereich und liegt mit einem Absorptionsgrad um 0,2 bis 0,3 in Klasse D. Er reduziert Trittschall und ein wenig Nachhall, verändert aber weder die Abklingrate entlang des Raums noch den Ablenkungsabstand nennenswert. Die entscheidenden Flächen im Büro sind Decke und Sichtschutz zwischen den Arbeitsplätzen.

Welche Norm gilt für Großraumbüros?

Zwei greifen ineinander: DIN 18041 ordnet Großraumbüros der Raumgruppe B4 zu und fordert ein Verhältnis von äquivalenter Absorptionsfläche zu Raumvolumen von mindestens 0,25 1/m. DIN EN ISO 3382-3 beschreibt zusätzlich, wie Abklingrate, Sprachpegel und Ablenkungsabstand entlang einer Arbeitsplatzreihe gemessen werden. Erst beides zusammen ergibt ein vollständiges Bild.

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